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Ausbildungsabbruch verhindern: Plan für die ersten 12 Monate

LearnSlice Team /

Zwei Azubis in blauen Arbeitsschürzen arbeiten an einer Elektronik-Werkbank, sie mit Schutzbrille und Smartphone, er an einer Platine

Die meisten Azubis, die gehen, gehen früh. Zwei Drittel aller vorzeitig gelösten Ausbildungsverträge enden in den ersten zwölf Monaten, mehr als ein Drittel schon in der Probezeit. Wer erst im zweiten Lehrjahr gegensteuert, kommt oft zu spät.

Dieser Beitrag zeigt, worauf Sie in welchem Monat achten, welche Fragen im Gespräch etwas zutage bringen und was Sie tun, wenn ein Azubi sagt: „Ich höre auf.“

Wann Ausbildungsverträge gelöst werden

Der BIBB-Datenreport 2026 zeigt, wann die vorzeitig gelösten Verträge des Jahres 2024 endeten:

  • 34,7 % in der Probezeit
  • 32,9 % später im ersten Ausbildungsjahr
  • in Industrie und Handel, wozu die Metall- und Elektroberufe zählen, zusammen rund 70 % im ersten Jahr
Gestapelte Balken: Von allen vorzeitig gelösten Ausbildungsverträgen 2024 endeten in Industrie und Handel 36,5 Prozent in der Probezeit und 33,9 Prozent später im ersten Jahr, über alle Berufe 34,7 und 32,9 Prozent

Über alle Berufe wurden 2024 29,7 % der Ausbildungsverträge vorzeitig gelöst. Wie sich die Quote in den einzelnen Metall- und Elektroberufen entwickelt hat, zeigt unser Datencheck zur Ausbildung in der Rüstungsindustrie.

Gelöst heißt nicht abgebrochen. Etwa die Hälfte der jungen Menschen schließt nach einer Vertragslösung einen neuen Ausbildungsvertrag ab. Viele wechseln also nur den Betrieb oder den Beruf. Für Ihren Betrieb ändert das wenig: Sie haben eingestellt, eingearbeitet und bezahlt, und die Fachkraft entsteht woanders oder gar nicht.

Warum Azubis ans Aufhören denken

Die Bertelsmann Stiftung hat für die Studie Ausbildungsperspektiven 2026 im Frühjahr 2026 1.325 Azubis zwischen 15 und 25 Jahren befragt, in dualer und in schulischer Ausbildung:

  • 90 % sind mit ihrer Ausbildung insgesamt zufrieden, 46 % sogar sehr.
  • Jeder zweite duale Azubi ist mit seinem Ausbilder sehr zufrieden, weitere 38 % eher.
  • Trotzdem haben 23 % schon ernsthaft daran gedacht, die Ausbildung abzubrechen. Bei Azubis, die schon einmal eine Ausbildung vorzeitig beendet haben, sind es 44 %.

Zufriedenheit schützt also nicht vor Abbruchgedanken. Ein Azubi kann sein Team mögen, seine Ausbilderin schätzen und trotzdem jeden Sonntagabend mit einem Kloß im Hals an Montag denken. Rund ein Viertel der Befragten fühlt sich häufig oder fast immer emotional belastet, rund ein Fünftel überfordert.

Die 467 Azubis, die ans Aufhören denken oder schon einmal eine Ausbildung abgebrochen haben, wurden nach den Gründen gefragt. Mehrfachnennungen waren möglich.

GrundAnteil
Psychisch belastet durch die Ausbildung36 %
Ausbildung ganz anders als vorgestellt30 %
Unzufrieden mit Lern- und Arbeitsbedingungen (Arbeitszeiten, Ausstattung)29 %
Keine Zeit mehr für anderes, schlechte Work-Life-Balance28 %
Unzufrieden mit der inhaltlichen Qualität (Aufgaben, Vermittlung)24 %
Beruf gefällt nicht (mehr)24 %
Probleme mit dem Ausbilder22 %
Probleme mit anderen Azubis oder Kollegen22 %
Persönliche Gründe (Krankheit, Familie)20 %
Lieber direkt Geld verdienen18 %
Mobbing, Diskriminierung oder Gewalt erlebt17 %
Eine bessere Alternative hat sich ergeben13 %

Nur 13 % nennen eine bessere Alternative. Die meisten übrigen Gründe liegen in der Ausbildung selbst, und dort können Sie ansetzen.

Was Sie beeinflussen können und wann

Sortiert man die Gründe danach, wo ein Betrieb ansetzen kann, ergeben sich drei Gruppen:

Balkendiagramm der Gründe für Abbruchgedanken, eingefärbt nach Ansatzpunkt: vor dem ersten Tag falsche Erwartungen 30 und Beruf gefällt nicht 24 Prozent, im Betrieb unter anderem Lern- und Arbeitsbedingungen 29 Prozent, außerhalb der Rolle des Ausbilders psychische Belastung 36 und persönliche Gründe 20 Prozent
  1. Vor dem ersten Tag: Falsche Erwartungen (30 %) und ein Beruf, der nicht passt (24 %), entstehen meist bei der Berufswahl. Ein ehrliches Praktikum, ein Probetag in der Werkstatt und ein Gespräch mit einem Azubi aus dem zweiten Lehrjahr zeigen mehr als jede Hochglanzbroschüre.
  2. Im Betrieb: Arbeitsbedingungen, Qualität der Vermittlung, Konflikte mit Ausbildern oder Kollegen, Mobbing. Das ist Ihr Kerngebiet, und hier setzen die festen Gespräche weiter unten an.
  3. Außerhalb Ihrer Rolle: Psychische Belastung und persönliche Gründe lassen sich mit keiner Checkliste und keiner App lösen. Hier sind Fachleute gefragt, etwa der Betriebsarzt oder externe Beratungsstellen, nicht Ausbilder.

Der 12-Monats-Plan

Die Tabelle zeigt für jeden Zeitraum die typische Situation, das Warnsignal und was Sie tun. Die Probezeit dauert je nach Vertrag einen bis vier Monate (§ 20 BBiG). Passen Sie die Zeilen an Ihren Vertrag an.

Zeitleiste des ersten Ausbildungsjahres: vor dem Start monatlich melden, 34,7 Prozent der Vertragslösungen in der Probezeit, 32,9 Prozent im Rest des ersten Jahres, Gespräche in Woche 2, 6 und 12, danach alle drei Monate
ZeitraumTypische SituationWarnsignalWas Sie tun
Zwischen Vertrag und StartMonate ohne Kontakt, der Azubi hört nur von Freunden, wie Ausbildung „wirklich“ istKeine Rückmeldung auf Einladungen, Zweifel im GesprächEinmal im Monat melden, Ausbildungsplan und ersten Tag erklären, Kennenlerntreffen mit dem Jahrgang
Woche 1 bis 2Neue Umgebung, viele Namen, Regeln, SchutzausrüstungSteht oft allein, fragt nichtsPaten aus dem zweiten Lehrjahr benennen, erstes Gespräch in Woche 2
Monat 1 bis 2Erste Berufsschulblöcke, Theorie trifft WerkstattUnsicher bei Grundlagen wie dem ohmschen Gesetz, Berichtsheft bleibt leerKurz nachfragen, welches Thema in der Schule gerade dran ist, Berichtsheft wöchentlich ansehen
Monat 3 bis 4Probezeit endet, die Entscheidung „bleibe ich?“ fällt oft hierMehr Fehltage, vage Antworten, plötzlich keine Fragen mehrProbezeitgespräch mit konkreten Fragen, Rückmeldung in beide Richtungen
Monat 5 bis 6Erste Noten aus der Berufsschule, erste RoutineSchlechte Noten werden verschwiegen, Rückzug im TeamNoten offen ansprechen, gezielte Hilfe statt Druck, bei Bedarf Lernförderung organisieren
Monat 7 bis 9Alltag statt Neuheit, Motivation sinktKaum Fortschritt im Lernplan, Konflikte mit Kollegen, Klagen über ArbeitszeitenAufgaben mit sichtbarem Ergebnis geben, Konflikte früh moderieren, Arbeitszeiten prüfen
Monat 10 bis 12Erstes Jahr endet, BilanzAzubi spricht über andere Berufe oder ein StudiumJahresgespräch: Was lief gut, was soll anders werden, was kommt im zweiten Jahr

Zwischen Vertrag und Start. Oft liegen zwischen Unterschrift und erstem Tag mehrere Monate. In dieser Zeit ist der Betrieb für den künftigen Azubi nur ein Name auf Papier. Eine Nachricht oder ein Foto vom künftigen Arbeitsplatz kostet Sie fünf Minuten. Was in die ersten acht Wochen gehört, finden Sie in unserer Checkliste zum Azubi-Onboarding.

Monat 3 bis 4. Mit dem Ende der Probezeit ändern sich die Regeln für eine Kündigung (§ 22 BBiG). Wer hier zweifelt und niemanden zum Reden hat, entscheidet oft allein.

Gespräche, die wirken

Oft gibt es Gespräche erst, wenn etwas schiefläuft. Wirksamer sind feste Termine, die stattfinden, auch wenn alles gut aussieht. Ein Rhythmus, der sich im ersten Jahr anbietet: Woche 2, Woche 6, Woche 12, danach alle drei Monate. Jeweils 20 Minuten, ohne Werkstattlärm und ohne Zeitdruck.

„Läuft alles?“ beantwortet fast jeder Azubi mit „Ja“. Besser funktionieren Fragen, auf die man nicht mit einem Wort antworten kann:

  • „Was war diese Woche die schwierigste Aufgabe?“
  • „Bei welchem Thema in der Berufsschule kommst du gerade nicht mit?“
  • „Wen fragst du, wenn du nicht weiterweißt? Und wen fragst du lieber nicht?“
  • „Was ist anders, als du es dir vorgestellt hast?“
  • „Wie viel Zeit bleibt dir gerade für Dinge außerhalb der Ausbildung?“
  • „Wenn du eine Sache an deiner Ausbildung ändern könntest, welche wäre das?“

Die Fragen drei bis fünf zielen auf drei Gründe aus der Studie: Probleme mit Menschen, falsche Erwartungen, fehlende Zeit.

Lassen Sie der Antwort eine Reaktion folgen, sonst erzählt der Azubi beim nächsten Mal nichts mehr. Für Persönliches braucht er außerdem jemanden, der ihn nicht beurteilt: einen Paten, die Jugend- und Auszubildendenvertretung oder den Betriebsrat, falls es sie gibt.

Damit für diese Gespräche überhaupt Zeit bleibt, müssen Ausbilder an anderer Stelle Zeit gewinnen. Sieben Ansätze dafür haben wir in Ausbilder entlasten zusammengestellt.

Wenn ein Azubi sagt: „Ich höre auf“

1. Nicht sofort reagieren, sondern fragen. „Was ist passiert?“ bringt mehr als „Überleg dir das gut“. Oft steckt hinter dem Satz ein konkretes Problem: ein Konflikt mit einem Kollegen, ein Thema in der Berufsschule, ein privates Problem. Manches davon lässt sich lösen.

2. Rechtliches prüfen lassen. Fristen und Form einer Kündigung regelt das Berufsbildungsgesetz (§ 22 BBiG). Lassen Sie den Einzelfall vor jeder Entscheidung von den Ausbildungsberatern Ihrer Kammer oder einer Fachanwältin für Arbeitsrecht prüfen.

3. Hilfe von außen holen. Diese Stellen helfen kostenlos:

  • Ausbildungsberater der Kammer. Jede IHK und HWK hat sie. Sie vermitteln bei Konflikten und kennen die Optionen, etwa einen Wechsel in einen verwandten Beruf, bei dem die Kammer die Ausbildungszeit auf Antrag verkürzen kann (§ 8 BBiG).
  • VerAplus vom Senior Experten Service. Ehrenamtliche Mentoren, meist erfahrene Fachleute im Ruhestand, begleiten Azubis eins zu eins. Kostenlos für Azubis, Betriebe und Berufsschulen.
  • Assistierte Ausbildung der Agentur für Arbeit. Lernförderung und Begleitung während der Ausbildung, für Azubi und Betrieb.

Und wenn der Azubi trotzdem geht: Ein ehrliches Abschlussgespräch zeigt Ihnen, was Sie beim nächsten Jahrgang anders machen können.

Was ein Ausbildungsabbruch Ihren Betrieb kostet

Für das Gespräch mit Geschäftsführung oder Controlling helfen zwei Zahlen aus der BIBB-Kosten-Nutzen-Erhebung für das Ausbildungsjahr 2022/23: Ein Azubi kostet im Schnitt rund 26.200 € pro Jahr. Zieht man die Erträge aus seiner Mitarbeit ab, rund 18.100 €, bleiben rund 8.100 €. Eine Fachkraft von außen zu gewinnen kostet im Schnitt rund 13.700 €.

Balkendiagramm: Ausbildung kostet im Schnitt rund 26.200 Euro brutto und 8.100 Euro netto pro Jahr, eine Fachkraft extern zu gewinnen rund 13.700 Euro

Ein Azubi, der im ersten Jahr geht, kostet also doppelt: einmal die Ausbildung ohne Fachkraft am Ende, und einmal die Stelle, die Sie später doch extern besetzen. Eine Schätzung für Ihren Betrieb liefert unser Ausbildungskosten-Rechner.

Wo digitale Lernbegleitung hilft und wo nicht

Bei den drei häufigsten Gründen, psychischer Belastung, falschen Erwartungen und schlechten Arbeitsbedingungen, hilft keine Software. Dort helfen ehrliche Einblicke vor dem Start, gute Bedingungen und Menschen, die zuhören.

Digitale Lernbegleitung hilft an zwei anderen Stellen:

  • Bei der Theorie. In den Elektroberufen bauen viele Themen aufeinander auf, wer früh eine Lücke hat, trägt sie mit. Ein Tutor, der auf dem Ausbildungsrahmenplan aufbaut, beantwortet Fachfragen auch dann, wenn gerade kein Ausbilder Zeit hat, und nennt die Quelle zu jeder Antwort. Das setzt bei einem Grund an, den 24 % nennen: der Qualität der Vermittlung.
  • Beim frühen Erkennen. Wenn Ausbilder den Lernstand jedes Azubis im Abgleich mit dem Lernplan sehen, fällt auf, wer seit Wochen nicht weiterkommt. Das ersetzt kein Gespräch, aber es sagt Ihnen, mit wem Sie es zuerst führen sollten. Ein digitales Berichtsheft liefert ähnliche Signale früher als der Papierordner am Monatsende.

Einen ähnlichen Ansatz verfolgt das Projekt MEKI aus dem Förderprogramm InnoVET PLUS: Die IHKs Reutlingen und Region Stuttgart entwickeln dort mit Hochschulen aus Stuttgart und München KI-Unterstützung für den Berufsschulstoff in Berufen mit hohen Lösungsquoten und Fachkräftemangel, zuerst für IT-Systemelektroniker.

Wichtig ist, wie Sie solche Werkzeuge einführen: als Unterstützung, nicht als Kontrolle. Klären Sie vorab mit Betriebsrat und Datenschutzbeauftragtem, wer welche Lerndaten sieht. Wie das in einer Branche mit besonders hohen Anforderungen an Datenschutz und Sicherheit aussieht, zeigen wir am Beispiel der Ausbildung in der Verteidigungsindustrie.

Ihr Plan für den nächsten Jahrgang

Ein Team jubelt mit erhobenen Armen an einem Besprechungstisch mit Laptops, Notizzetteln und Flipchart

  1. Melden Sie sich zwischen Vertrag und Start, einmal im Monat.
  2. Legen Sie die Gesprächstermine jetzt fest: Woche 2, 6 und 12, dann alle drei Monate.
  3. Stellen Sie offene Fragen und reagieren Sie auf die Antworten.
  4. Kennen Sie die Hilfen von außen, bevor Sie sie brauchen: Ausbildungsberater, VerAplus, Assistierte Ausbildung.
  5. Führen Sie bei jeder Vertragslösung ein Abschlussgespräch. So sehen Sie mit der Zeit, wo Ihr Betrieb ansetzen kann.

Quellen

Dieser Beitrag gibt allgemeine Informationen und ersetzt keine Rechts-, Gesundheits- oder Personalberatung im Einzelfall.

Alle Zahlen stammen aus den folgenden Quellen, die Nettokosten pro Azubi haben wir aus den BIBB-Werten berechnet. Geprüft am 13. Oktober 2026.

Geschrieben von

L

LearnSlice Team

Häufig gestellte Fragen

Wann werden die meisten Ausbildungsverträge gelöst?

Im ersten Jahr. Von allen vorzeitig gelösten Verträgen des Jahres 2024 endeten laut BIBB-Datenreport 2026 34,7 % in der Probezeit und weitere 32,9 % später im ersten Ausbildungsjahr. In Industrie und Handel waren es zusammen rund 70 %.

Warum brechen Azubis ihre Ausbildung ab?

Laut der Studie Ausbildungsperspektiven 2026 der Bertelsmann Stiftung nennen Azubis mit Abbruchgedanken am häufigsten psychische Belastung (36 %), eine Ausbildung, die ganz anders ist als erwartet (30 %), Unzufriedenheit mit Lern- und Arbeitsbedingungen (29 %) und fehlende Zeit für anderes (28 %). Eine bessere Alternative nennen nur 13 %. Meist kommen mehrere Gründe zusammen.

Ist die Lösungsquote eine Abbruchquote?

Nein. Die Lösungsquote zählt vorzeitig gelöste Ausbildungsverträge. Etwa die Hälfte der jungen Menschen schließt danach einen neuen Ausbildungsvertrag ab, oft in einem anderen Betrieb oder Beruf. Für den Betrieb, der eingestellt und eingearbeitet hat, ist die Investition trotzdem verloren.

Wo bekommen Betriebe kostenlose Unterstützung, wenn ein Azubi zu scheitern droht?

Erste Anlaufstelle sind die Ausbildungsberater Ihrer Kammer. Dazu kommen VerAplus vom Senior Experten Service, das Azubis ehrenamtliche Mentoren an die Seite stellt und für Azubis und Betriebe kostenlos ist, sowie die Assistierte Ausbildung der Agentur für Arbeit mit Lernförderung und Begleitung.